Bei unserer Reise nach Ko Samui im November 2015 hatten wir die seltene Gelegenheit, eine einheimische Frau näher kennen zu lernen. Oft gehen ja die Unterhaltungen im Urlaub nicht über den Smalltalk in Bars und Restaurants hinaus, oft mangels Interesse – zu groß sind die kulturellen Unterschiede, meist scheitern auch an Verständigungsschwierigkeiten.

Die kleine Frau mit dem Spitznamen Noy (die vollständigen Namen sind in Thailand lang und von Ausländern nur schlecht auszusprechen) arbeitete nachts in einer Bar als Übersetzerin. Sie half jungen Barmädchen, mit potentiellen Kunden zu kommunizieren, weil sie ganz gut Englisch und Deutsch sprach. Sie wurde von den anderen „Mama Noy“ gerufen, da sie schon über 50 Jahre alt war.

Noy lachte gern und oft, sie konnte sich wie ein Kind freuen, wenn sie ein Billardspiel gewann. Wir kamen in Kontakt, weil sie uns als Deutsche erkannt hatte und gern mal wieder deutsch reden wollte. Daraufhin luden wir sie für einen anderen Abend zum Essen ein. So erfuhren wir ihre Geschichte und wurden regelrecht in ihre Familie „adoptiert“.


Noys Lebensgeschichte

Noy stammte aus einem Dorf im Isaan, einer armen Region im Nordosten Thailands. Ihre Eltern sind Bauern – auch heute noch. Sie besuchte 6 Jahre lang die Schule und lernte dort auch 3 Jahre Englisch. Wie viele arme Mädchen suchte sie danach ihr Glück in Pattaya und heiratete dort im Alter von 22 Jahren einen Deutschen. Von ihm lernte sie auch die deutsche Sprache.

Kurz nach der Hochzeit machten sie Urlaub auf Ko Samui und beiden gefiel es hier so gut, dass sie in Lamai blieben. Leider ist Noy nie in Deutschland gewesen; außer ihrem Dorf, Pattaya und Ko Samui hat sie nur einmal Langkawi in Malaysia gesehen, um für ihren Mann das Visum zu verlängern.

Ihr Mann richtete ihr in Lamai Beach ein Barbeque-Restaurant ein, stolz zeigte sie uns Fotos davon. Das Restaurant lief gut, sie wohnten in einem kleinen Häuschen und Noy fuhr einen Kleinwagen. Nach 6 Jahre Ehe bekamen sie einen Sohn.
Ihr Mann wollte nicht, dass sie jetzt noch im Restaurant arbeitete – es wurde verkauft. Er gründete eine Inselzeitung für Touristen und Expats, die gut angenommen wurde.

Noy zeigte uns ihr Fotoalbum, sie war in diesen Jahren sehr glücklich, fühlte sich reich und finanziell sorgenfrei – sie hatte ihr Glück gefunden. Es währte 20 Jahre.

Dann lief das Geschäft ihres Mannes nicht mehr, die kleine Familie bekam finanzielle Schwierigkeiten. Er erlitt einen Herzinfarkt und starb nach wenigen Tagen im Krankenhaus. Unglücklicherweise stürzte Noy auf dem Weg zum Krankenhaus mit dem Moped, sie verlor dabei 3 Zähne und verletzte sich schwer am Knie.

Nun begann eine schlimme Zeit für sie und ihren Sohn. Sie mussten das Haus verlassen und alles verkaufen, was sich zu Geld machen ließ, weil es keine Rücklagen mehr gab. Noy war mit ihrem kaputten Knie kaum arbeitsfähig. Sie nahm ihren Jungen mit 12 Jahren aus der Schule, weil sie die Kosten für Schuluniform und Essen nicht mehr aufbringen konnte und Bildung auch nicht für so wichtig hielt. Es ist wirklich schwer vorstellbar, wie sei diese erste Zeit überstanden hat.

Seitdem sind über 10 Jahre vergangen, Noy hat sich mit ihrem neuen Leben arrangiert. Nachdem sie einige Jahre in einem Seafood-Restaurants als Bedienung gearbeitet hat (12-14 Stunden am Tag für 150 Baht = knapp 4 €), was für sie körperlich kaum zu bewältigen war, hat sie nun 2 kleinere, weniger anstrengende Jobs. Sie arbeitet an einigen Tagen abends 5 Stunden in der Bar als Übersetzerin für 150 Baht, danach hilft sie in einem einfachen Restaurant als Köchin aus, in dem nur Thais essen. Hierfür bekommt sie 100 Baht und das Essen gratis. Ob diese Einnahmen ganzjährig kommen oder nur in der Touristensaison, weiß ich nicht. Es wird auch nichts langfristig geplant – Thais leben im Jetzt und machen sich kaum Gedanken über die Zukunft, es ergibt sich immer ein Weg.


Wohnverhältnisse

Noy wohnt mit ihrem inzwischen erwachsenen, gutaussehenden Sohn, der sie um 2 Köpfe überragt, und ihrem neuen Lebensgefährten zusammen in einem kleinen Reihenhaus für monatlich 4.500 Baht Miete (ca. 112 €). Das ist für Lamai sehr günstig. Ich werde kurz beschreiben, wie eine solche Wohnung aussieht, da ja nicht wenige Leute damit liebäugeln, in Thailand zu wohnen.

Noys Wohnung liegt etwa 2 km vom Strand entfernt in den ruhigen Gassen von Lamai. Sie besteht aus einem kleinen Wohnraum mit angeschlossener Küche, einem fensterlosen Schlafraum in der Mitte sowie einer Dusche mit WC.

Wenn man das Haus betritt, fällt der erste Blick auf einen Altar und viele Götterbilder und Statuen aus dem Buddhismus und Hinduismus. Der Glaube gibt Noy offensichtlich Kraft. Neben einem Fernseher, einem alten Sofa mit einem Loch in der Sitzfläche und zahlreichen Sitzkisten stehen die Wände voller Kleiderständer.

Der Wohnraum ist durch einen schmalen Gang mit einer kleinen Küche verbunden. Hier befinden sich nur einen Arbeitstisch, einen Gaskocher, ein Kühlschrank und ein fest eingebautes Steinwaschbecken sowie einige Lebensmittel. Die Küche wird wenig genutzt, da Noy oft Essen aus dem Restaurant mitbringt und Thais es generell lieben, sich fertige Kleinigkeiten vom Markt zu holen.

Über der Dusche hat das Dach ein Leck und und ist undicht. Offensichtlich ist es für die geringe Miete nicht üblich, dass sich der Vermieter darum kümmert.

Im Schlafzimmer gibt es nur ein Doppelbett, in dem die 3 zusammen oder abwechselnd schlafen (danach habe ich nicht gefragt) sowie einen Ventilator.

Betten abwechselnd zu nutzen scheint aber nicht ungewöhnlich zu sein, auch in dem kleinen Restaurant, in dem Noy arbeitet, befindet sich im Hinterzimmer eine große Matratze, auf der abwechselnd geruht wird.

Die Wohnung ist nicht groß, aber für 1-2 Personen ausreichend und könnte mit etwas Farbe, Geschmack und Ordnungssinn durchaus gemütlich eingerichtet werden. Aber hier liegen die Prioritäten eben anders.


Ausgaben

Um noch kurz bei den Finanzen zu bleiben: ihr Sohn arbeitet in einer Bar in Chaweng und verdient dort 18.000 Baht im Monat, ihr Freund bekommt als Bauarbeiter nur sehr wenig trotz körperlich schwerer Arbeit, die Zahl ist mir nicht bekannt.

Noy sagte uns, dass man mit 30.000 Baht im Monat ohne Sorgen über die Runden käme, das betrifft natürlich ihren Lebensstil. Neben Essen braucht sie Benzin (40 Baht/ Liter) für ihren Roller und monatlich 500 Baht für einen Internetzugang.

Medizinische Behandlungen im staatlich Hospital sind kostenlos, aber mit langen Wartezeiten verbunden. Ihre 3 fehlenden Zähne werden hier aber nicht kostenlos ersetzt, das würde etwa 5.000 Baht kosten und bleibt für Noy wohl ein Traum.

Der Sitz ihres Mopeds war löchrig und nur notdürftig mit Klebeband geflickt. Selbst für die 300 Baht, die eine Reparatur kosten würde, muss sie längere Zeit sparen.

Während ein Tourist für ein Thai Essen ca. 100-300 Baht ohne Getränke ausgibt (europäische Gerichte sind teurer), essen die Einheimischen wesentlich günstiger und bezahlen in den kleinen Straßenrestaurants oder auf Märkten eher 20-50 Baht, dafür bekommen sie das Essen in der Plastiktüte, auf eine appetitliche Präsentation wird kein Wert gelegt.


Kochen mit Noy

Noy hat uns nach unserem gemeinsamen Abendessen noch mehrfach in das kleine Straßenrestaurant eingeladen und für uns gekocht. Vorher sind wir mit Mopeds gemeinsam zum muslimischen Markt südlich von Lamai gefahren und haben einen frischen Papageifisch, blaue Krabben und Gemüse gekauft. Wir sind ja schon oft auf solchen Märkten gewesen, aber es gibt immer wieder Neues zu entdecken. Noy nahm mich dabei an der Hand und lenkte meine Aufmerksamkeit auf besondere Pflanzen und Gewürze.

Verkäuferinnen am muslimischen Markt
Verkäuferinnen am muslimischen Markt
Auf dem Fischmarkt
Auf dem Fischmarkt
Papagei-Fische
Papagei-Fische
Noy mit einem Papagei-Fisch
Noy mit einem Papagei-Fisch

Im Straßenrestaurant waren wir wirklich die einzigen Ausländer. Obwohl die Besitzer den ganzen Tag vor Ort sind und immer einige Töpfe voller Curry sowie in Tüten verpackte Salate und Gemüse vorrätig haben, wird hier vorwiegend nachts verkauft, wenn die im Tourismus arbeitenden Leute nach Hause fahren.

Die schmale Küche ist dunkel und sehr primitiv eingerichtet: es gibt einen Ausguss mit einem Wasserschlauch darüber, aus dem mit Sicherheit kein Trinkwasser kommt. Gegenüber einen Gaskocher, einen Kühlschrank sowie ein Regal mit Vorratsdosen für Gewürzen und Zutaten – hier fühlen sich auch die Ameisen wohl. Ich bin mir sicher, dass die meisten Ausländer dankend abgelehnt hätten, wenn man ihnen hier Essen angeboten hätte. Es ist auch wirklich nicht ungefährlich, wie ich bereits in meinem Artikel über Gesundheit auf Reisen beschrieben habe. Wir wollten aber wirklich mehr über die Kultur erfahren und sind deshalb das Risiko eingegangen. Verdauungsprobleme kamen prompt.

Noy hat den Papageifisch in reichlich Öl im Wok frittiert und nur mit Knoblauch und einer salzigen Würzmischung bestreut – es war also kein aufwendiges Rezept, das man beschreiben müsste. Trotzdem sehr lecker.

Papagei-Fisch im Wok
Papagei-Fisch im Wok

Die Blaukrabben „boo ma” hat sie nur in Salzwasser gekocht. Sie schmecken hervorragend mit einem scharfer Dip „nam jim“, der zu allen gekochten oder gegrillten Fischen und Seafoodgerichten passt und individuell abgeschmeckt werden kann.

Blaue Krabben im Wok
Blaue Krabben im Wok

Dazu gab es den berühmten „som tam“, das ist ein Salat aus unreifen Papayas mit getrockneten kleinen Shrimps (auf die ich persönlich gern verzichte). Einen ähnlichen Salat kann man auch aus grünen Mangos machen – er bietet sich gut für Deutschland an, wenn man mal wieder eine unreife Mango erwischt hat.

Alles hat köstlich geschmeckt, auch wenn wir nur auf Plastikschemeln unter einem Vordach an der lauten Hauptstraße gesessen haben. Die Besitzer des Restaurants sprachen kein Englisch, aber sie haben uns sehr herzlich willkommen geheißen und wollten sich unbedingt mit uns fotografieren lassen.


Wir haben festgestellt, dass typisches Thai-Essen weit mehr ist, als das in den Touristenrestaurants servierte. Die Thai Küche wird oft beschrieben als sehr frisch, knackig und mit kurzen Zubereitungszeiten. Die Einheimischen essen aber durchaus auch sehr lange gekochte Gerichte, die nicht unbedingt dem Touristengeschmack entsprechen. Es lohnt sich auf jeden Fall, Neues zu probieren.

Der Satz „Das Auge ist mit“ scheint in Thailand nicht bekannt zu sein (zumindest bei der einfachen Bevölkerung), dafür sind Geschmack, gemeinsames Essen und Gastfreundschaft wichtig und man kann dabei an Kleinigkeiten viel Spaß haben.

Noy hat mir vor Augen geführt, mit wie wenig ein Mensch zufrieden sein kann, wie wichtig es ist, alltägliche Kleinigkeiten wahrzunehmen, sich daran zu erfreuen und nicht an scheinbar ausweglosen Situationen zu verzweifeln, weil sich immer eine Lösung findet. Und zu akzeptieren, was man nicht ändern kann.

Danke, Noy! Ich bin wirklich froh, Dich kennengelernt zu haben.