Wohnungssuche

Der sogenannte „Ernst des Lebens“ begann an unserem dritten Tag in Taipei.

Mein Mann fuhr mit der MRT (Metro) ins Büro, unser älterer Sohn wurde morgens von einem kleinen Schulbus vor dem Hotel abgeholt. Ich hatte den ganzen Tag Zeit, um mich um das Baby zu kümmern und die Stadt zu erkunden.

Theoretisch. Praktisch war es meine Aufgabe, mich mit Immobilienmaklern auseinanderzusetzen, um eine möblierte Behausung zu finden.

Nach 6 Jahren, in denen ich keine Gelegenheit hatte, meine Englischkenntnisse anzuwenden, war das wirklich eine Herausforderung! Aber nicht nur deshalb!

Appartements und Häuser sind in Asien sehr teuer und werden meist nur für 2 Jahre und länger vermietet. Und auch sofort komplett im Voraus bezahlt. Da unser Vertrag nur 11 Monate vorsah, hatten viele Landlords kein Interesse. Einige Vermieter erwarteten beispielsweise, dass auch der Gärtner weiter bezahlt würde, dafür hatten wir leider kein Budget. Und wer schon Maklerserien im Fernsehen verfolgt hat weiß, dass sie auch gern Objekte anbieten, die weit über dem genannten Budget liegen.

Ich war jedenfalls recht eingespannt, unser Telefon wurde von einigen Maklern regelrecht terrorisiert und ich hatte viele Besichtigungstermine zu absolvieren. Sprachlich konnten wir uns auf ein gemeinsames Minimum verständigen, die Makler sprachen nur ein rudimentäres Englisch und fanden deshalb immer, dass meines sehr gut wäre.

Die Wohnungssuche dauerte letztendlich 3 Monate. Einige Absagen haben uns wirklich Tränen gekostet, weil wir endlich ein Zuhause wollten. So luxuriös das Hotel auch war, wir wollten selbst kochen, endlich unsere Seekiste in Empfang nehmen können und mehr Freizeitbeschäftigungen haben.

Im Mai war es endlich so weit, wir bezogen ein Haus mit Swimmingpool in Tiānmǔ, am Fuße des Yángmíngshān Nationalparks im Norden von Taipei. Das Haus lag in einer schmalen Gasse, an deren rechter Seite sich Einzelhäuser befanden, links hinter einer Mauer war Wildnis. Aus diesem Dschungel hörten wir ständig Naturgeräusche, wir wohnten also in direkter Nachbarschaft mit Vögeln, Zikaden, Schlangen usw. Zum Glück hatte unser Haus an allen Fenstern Gitter und Insektenschutz.

Unsere Gasse mit Dschungel links
Unsere Gasse mit Dschungel links

 

Unser Haus
Unser Haus

 

In unserem Garten
In unserem Garten

Für uns war die Lage hier sehr günstig. Der Stadtrand bot frische, deutlich sauberere Luft als das Zentrum. In der Nähe gab es einen japanischen Supermarkt mit gutem Angebot, per Fahrrad waren weitere Geschäfte mit europäischen Waren zu erreichen. Außerdem wohnten viele andere Expats in der Nähe, so dass es Kinder zum Spielen und für mich Anlaufstellen zum Treffen mit anderen Ausländern gab. Um das Haus herum gab es viel Grün, der Tianmu Park mit Spielplätzen war fußläufig zu erreichen.

Für meinen Mann war der Arbeitsweg nach Downtown etwas weiter. Manchmal konnte er mit einem Kollegen fahren, der in der Nähe wohnte, sonst per Taxi. Die gelben Taxen fuhren oft an der Hauptstraße entlang, so dass er selten lange warten musste. Was beim Taxifahren zu beachten ist, erfährst Du im nächsten Beitrag.

 

Expat-Leben in Taiwan

Für die arbeitenden Expats ist der Alltag im Gastland meist sehr anstrengend. Trotz vorheriger Schulungen über Unterschiede zwischen den Kulturen kommt es immer wieder zu Missverständnissen. Einerseits sprachlich bedingt, andererseits, weil die Kollegen wirklich „anders ticken“, was keine Wertung sein soll.

Nach langen Arbeitstagen geht das Team oft abends noch gemeinsam essen oder zum Karaoke. Viele Taiwanesen können wirklich gut singen, für die „Langnasen“ ist das meist eine Strafe, die nur mit Alkohol zu ertragen ist.

Taiwanesische Gastgeber sind bestrebt, dass es ihrem Gast an nichts fehlt und er sich wohl fühlt. In diesem Fall heißt das, dass er am Ende betrunken unter dem Tisch liegen sollte. Zum Glück vertragen die kleinen, zierlichen Asiaten selbst nur wenig, sodass dieses Vorhaben mit einem Europäer eher schwierig ist.

Ich selbst hatte für die 11 Monate keine Arbeitserlaubnis und damit das privilegierte Leben einer mitreisenden Ehefrau. Vielleicht hat mir die Zeit auch deshalb so gut gefallen, weil ich meine Zeit selbstbestimmt verbringen durfte. Auch in Deutschland war ich im Babyjahr zu Hause, aber dort war die Zeit totlangweilig, weil alle meine Freundinnen arbeiteten. In Taipei gab es immer etwas Neues zu entdecken, ich hatte Freunde und es war wirklich ganz anders als zu Hause.

In einem englischsprachigen Magazin hatte ich gelesen, dass es in Tianmu eine von der Kirche finanzierte Einrichtung „Gateway“ gab, die regelmäßige Veranstaltungen und Treffs für Expats organisierte. Da wollte ich hin. Und tatsächlich habe ich bei meinem ersten Community Coffee dort Freunde gefunden: andere Mütter mit Babys, die sich regelmäßig trafen.

Der Kontakt mit dieser deutschsprachigen Babygruppe funktionierte während unseres ganzen Aufenthaltes wunderbar. Wir trafen uns regelmäßig abwechselnd bei einer der Frauen zu Hause, hatten Zeit, uns auszutauschen, während unsere Kinder miteinander spielten.

Andere Beziehungen blieben recht oberflächlich; besonders Amerikanerinnen, die mir überschwänglich ihre Visitenkarte gaben und mich einluden, erkannten mich schon beim zweiten Mal nicht mehr.

Bei „Gateway“ habe ich an vielen interessanten Vorträgen teilgenommen: über die Wasserqualität in Taipei, wie man bei Schlangenbissen vorgeht, über Teehäuser, Kunst, Kochen, Buchlesungen usw. Auch einen Aerobic-Kurs machte ich mit.

Dazwischen kam ich immer wieder zum oben genannten Kaffeeklatsch, um Neulinge kennenzulernen und Heimkehrer zu verabschieden. Die internationale Community war wie ein Campingplatz, es war ein ständiges Kommen und Gehen. Wegen der Sprachbarriere zu den Taiwanesen haben sich viele Expats ausschließlich auf Kontakte zu anderen Ausländern konzentriert (wir nicht, dazu später mehr). Es war sehr einfach, Freunde zu finden, weil man mit offenen Armen empfangen wurde.

Eine weitere kulturelle Anlaufstelle für Expats war das Community Services Center. Hier wurden, ähnlich wie an Volkshochschulen, kostenpflichtige Kurse angeboten. Ich habe dort beispielsweise Porzellanmalen und kalligrafisches Zeichnen gelernt, während mein Kind betreut wurde.

Als dritter Treffpunkt ist der American Club in der Nähe des Grand Hotels zu nennen. Neben Restaurants verfügt er über ein Freibad mit Sonnenliegen, ein Fitnesscenter und eine Kinderbetreuung. Die hohe Mitgliedsgebühr wird durch die meisten Firmen übernommen, die Mitglieder müssen „nur“ eine recht hohe Verpflegungspauschale pro Monat bezahlen. Für viele ein Grund zum Schimpfen, weil das Essen damals nicht gut war.

Wir gehörten nicht zu den Clubmitgliedern, weil wir vorher nicht wussten, dass man so etwas aushandeln kann. Einmal monatlich fand aber der deutsche Frauenstammtisch im Club statt, an dem ich auch ohne Mitgliedschaft teilnehmen konnte. Eine schöne Gelegenheit, um interessante Menschen kennenzulernen und neue Freunde zu finden. Viele Frauen waren schon mehrere Jahre in Taipei, einige schon seit Jahren im Ausland – in wechselnden Ländern. Ich habe ihre Berichte förmlich aufgesogen, so ein abwechslungsreiches Leben im Ausland war genau mein Ding!

Der Männerstammtisch fand abends separat beim deutschen Fleischer Uli statt, nach dessen Abreise beim deutschen Bäcker. Auch für die Männer eine gute Gelegenheit für einen Erfahrungsaustausch. Führungsaufgaben in dieser völlig anderen Kultur verlangen viel Kraft, Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen. Bei manchen Missverständnissen und Problemen kann so ein Erfahrungsaustausch projektrettend sein.

Um ehrlich zu sein, war ich 1998 noch nicht so offen für asiatisches Essen. Die Mahlzeiten mittags und abends waren kein Problem, da fand sich immer etwas Essbares in Restaurants oder Garküchen. Das Frühstück war schon schwieriger. Taiwanesen trinken morgens meist eine wässrige Reissuppe und essen verschiedenen Kleinigkeiten dazu, z.B. aus eingelegtem Fisch, Bohnen oder Reiskuchen, die alle nicht so meinen Vorstellungen entsprachen.

Ich war also regelmäßig auf der Suche nach Brötchen, Butter, Marmelade, Käse, Wurst, Milchprodukten usw. Alles irgendwo zu bekommen, aber nicht billig, weil importiert oder unter ausländischem Management hergestellt. Diese Einkaufsausflüge mit dem Rad oder Buggy waren ein regelmäßiger Anlass, um das Haus zu verlassen. Mein Weg führte dafür bergab, zwischen modernen Hochhäusern gab es damals noch kleine Gärten und Felder.

Gärten/Felder in der Nähe unserer Hauses
Gärten/Felder in der Nähe unserer Hauses

Vorbei an einem kleinen Tempelchen…

Tianmu Tempel
Tianmu Tempel

…über den Tianmu River bis in die Tianmu North Road (Titelbild).

Tianmu River
Tianmu River

Du siehst, es ist nicht weit von unserem Idyll bis in die belebten Straßen der Hauptstadt.

Könnte Dir das Leben im Ausland gefallen? Schreibe mir gern in den Kommentaren.

Heute kommt es leider nicht mehr so oft vor, mit der ganzen Familie entsendet zu werden. Große Firmen schicken ihre Mitarbeiter meist nur für einige Wochen, sie bleiben dann im Hotel und erhalten daher oft nur einen oberflächlichen Einblick in das Leben des Gastlandes. Also greif zu, falls Du irgendwann mal die Gelegenheit bekommen solltest, ich würde es immer wieder tun.

 

Meinen nächsten Beitrag werde ich den Besonderheiten des chinesischen Lebens widmen und Dir beschreiben, wie wir uns integriert oder es zumindest versucht haben. Bist Du dabei? Wenn Du keinen Beitrag verpassen willst, melde Dich zu meinem Newsletter an.

 

Schönes Fernweh wünscht Dir

Beate