Vor der Reise

Warum schreibe ich ausgerechnet über Südostasien? In diesem Post geht es darum, wie ich meine Liebe zu diesem Teil der Welt entdeckt habe.

Bis 1997 waren wir eine recht durchschnittliche Familie einer sächsischen Kleinstadt: beide berufstätig, ein Kind, Mietwohnung, Kleingarten, Sportverein, Pauschalurlaub. Unser zweiter Sohn wurde im August geboren und ich plante eine einjährige Familienauszeit.

Im September überraschte mich mein Mann mit der Nachricht, dass ihm ein Angebot für ein einjähriges Projekt in Taiwan vorläge. Die Familie mit Baby dafür zu verlassen, wäre für mich absolut unvorstellbar gewesen. „Nur mit der ganzen Familie“ war deshalb unser Konsens. So richtig ernst hatte ich die Frage aber nicht genommen und auch nicht weiter darüber nachgedacht.

Im November kam dann die Mitteilung, dass er unter mehreren Bewerbern für das Taiwan-Projekt ausgewählt worden war.

Meine erste Reaktion: Panik!

  • Besuch bei der Kinderärztin: Gehen Sie dieses Risiko mit einem Baby nicht ein, es wäre unverantwortlich!
  • Impfberatung beim Bernhard-Nocht-Institut: Es gibt keine Erfahrungen für stillende Mütter, Impfungen nur auf eigenes Risiko!
  • Anruf bei der Taipeh-Vertretung: In China sind Windeln unüblich, man lässt Babys einfach unten ohne und wischt auf (ich frage mich bis heute, wann diese Frau das letzte Mal da war)
  • Hygiene, Einkaufsmöglichkeiten, Gefahren …???

Mein Körper reagierte auf dieses Dilemma mit einem Milchstau, den meine Hebamme glücklicherweise in den Griff bekam.

Trotz aller Gegenstimmen entschieden wir uns für das Projekt. Schließlich war es eine einmalige Gelegenheit, unseren Horizont zu erweitern. Wir ließen uns also impfen, auf Tropentauglichkeit und AIDS untersuchen, zu Weihnachten mit großen Koffern und einer Videokamera beschenken und besuchten ein Seminar für interkulturelle Management für China/Taiwan.

Im Januar 1998 flog mein Mann für zwei Wochen allein nach Taipei, um die Lage zu sondieren.

Ich nutze in meinem Blog lieber die englische Schreibweise Taipei statt Taipeh, weil diese dort einfach überall präsent ist. Beide Schreibweisen spiegeln aber nicht die Aussprache wider, Táiběi (Pinyin) wäre eigentlich die bessere Umschrift. Das Wort setzt sich übrigens aus Tái = Bühne/Plattform/Marktstand und Běi = Norden zusammen. Dasselbe Tái ist auch Bestandteil des Landes Taiwan, hier kombiniert mit Wān = Bucht/Golf.

Mit der Videokamera besuchte mein Mann eines der bekanntesten Kaufhäuser in Taipei und filmte Babynahrung, Windeln, Kinderkleidung usw., um mich zu beruhigen. Ja, es gab tatsächlich alles, was man brauchen würde (zum Glück sahen wir die Preise noch nicht).

Dann war es endlich soweit, im Februar begann das Abenteuer unseres Lebens. Wir bestückten eine Seekiste mit Kinderbett, Laufgitter, Babystuhl, Buggy, unseren Fahrrädern, Sommerkleidung sowie einer Küchengrundausstattung. Sie sollte etwa vier Wochen unterwegs sein.

Unser Reisegepäck bestand aus mehreren Koffern mit dem Bedarf für die ersten Wochen: Kleidung für kühlere Tage, Spiel- und Schulsachen für unseren älteren Sohn und dem Kinderwagen.

Unsere Eltern verabschiedeten uns am Dresdner Flughafen, ein knappes Jahr ohne Kinder und Enkel – das ging ihnen schon an die Nieren. Wir sollten ca. 20 Stunden über Hamburg, Kopenhagen und Hongkong unterwegs sein. Welch eine Tortur mit einem 6 Monate alten Säugling! Auf dem Langstreckenflug hatten wir zwar Plätze mit mehr Fußfreiheit und ein Babybett zum Einhängen, es war für unser strammes Söhnchen aber leider zu eng.

 

Ankunft in Taiwan

Bei der Ankunft in Taiwan empfing uns ein unangenehm feuchtkaltes Wetter bei ca. 12°C. Der internationale Flughafen Taipei Táoyuán liegt reichlich 30 km nordwestlich der Hauptstadt, wir wurden mit einem Hotelfahrzeug abgeholt. Während in Flughafennähe noch kleinere Häuser zwischen Feldern dominierten, wuchsen die Gebäude, je näher wir der Stadt kamen, aus bewaldeten Hügeln in die Höhe. Links von der Autobahn fiel uns ein Tempel mit einer großen Swastika auf, welche auch von den Nazis als Hakenkreuz verwendet wurde. Sehr befremdlich. Damals wussten wir noch nicht, dass es sich um ein altes hinduistisches und buddhistisches Glückssymbol handelt.

Etwa 24 Stunden nach unserer Ankunft stürzte übrigens eine Maschine der China Airlines, mit der wir auch geflogen waren, beim Anflug auf Taipei ab, es gab 203 Tote. Unsere Verwandten waren nach den Nachrichten mehrere Stunden sehr verunsichert, ob wir auch betroffen sein könnten.

Ein Hamburger Kollege begrüßte uns am Hotel und lud uns für den ersten Abend auf einen Nachtmarkt ein. Wir bezogen unsere erste Unterkunft im Far Eastern Plaza Hotel (Yuǎndōng  Fàndiàn), einem 5* Haus der Shangri La Gruppe im Süden der Stadt. Hier waren vor uns schon viele Prominente abgestiegen, unter anderem Pierce Brosnan, der damalige 007. Für uns waren zwei zusammenhängende Doppelzimmer im 30. Stockwerk mit Blick in Richtung Westen reserviert. Wir konnten in der Ferne den Shing Kong Tower sehen, damals mit ca. 245 m Höhe das höchste Gebäude der Stadt. Die Planung des Taipei 101 (ca. 508 m) begann erst 1999.

Vom Dach des Hotels in der 40. Etage bot sich rund um den offenen Swimming Pool ein atemberaubender Blick in alle Richtungen, man sah ein riesiges Dächermeer und die umliegenden Berge.

Roof Top Pool im Far Eastern Plaza Hotel Taipei
Roof Top Pool im Far Eastern Plaza Hotel Taipei

 

Nachtmarkt

Der Spaziergang zum Nachtmarkt war unser erstes Erlebnis, das wir später oft wiederholten. Unser Baby im Tragetuch, hatten wir einen Fußweg von etwa 15 Minuten in nordöstlicher Richtung vor uns, es ging zum Tong-Hua-Nachtmarkt. Der südliche Stadtteil um das Hotel ist recht modern, geprägt von Hochhäusern, teuren Boutiquen, besseren Restaurants und Bars.

Der Nachtmarkt war eine völlig neue Erfahrung für uns. Er gehört zwar zu den kleineren Nachtmärkten von Taipei, ist aber bekannt für kulinarische Köstlichkeiten und sehr gut von Einheimischen besucht. Chinesen lieben es einzukaufen und zu essen, beides mit allen Sinnen. Es wird also nicht nur geschaut, sondern angefasst, gefühlt, daran gerochen, probiert – alles mit viel Spaß und Genuss.

Neben vielen stationären Restaurants und Geschäften für Bekleidung, Schuhe, Spielwaren, Schmuck und Elektronik, die hier nur nachts geöffnet haben, gibt es auch viele mobile Stände für regionale und saisonale Köstlichkeiten. Tropische Früchte und Gemüsearten, Puddingkuchen, Bubbletea, leckere Spieße, undefinierbare Kleinigkeiten aus dem Meer, Wohlgerüche und Herausforderungen für europäische Nasen und Mägen wie Stinky Tofu, Hühnerfüße, fetter Schweinebauch…

Obststand am Nachtmarkt
Obststand am Nachtmarkt

Wir haben uns am ersten Abend für ein Teppanyaki-Restaurant entschieden. Ohne unseren Kollegen hätten wir das wohl nicht gewagt. Die Anzeige war ausschließlich mit chinesischen Zeichen beschriftet, aber auf dem Bestellzettel gab es glücklicherweise eine vage Umschreibung in Englisch. Nach kurzer Rücksprache bestellte der Kollege für uns.

Teppanyaki kommt ursprünglich aus Japan. Es handelt sich um eine große, heiße Edelstahlplatte (nicht antihaft-beschichtet, wie man in Deutschland Tischgrills unter dem Namen anbietet), auf der klein geschnittene Zutaten vom Koch vor den Augen der Gäste kurz gebraten und mit Spateln schnell gewendet werden. Es gibt in Taipei einige berühmte Teppanyaki-Restaurants mit Séparées, wo man zu exorbitanten Preisen Kobe-Rind und andere Delikatessen bestellen kann.

Auf den Nachtmärkten gibt es eine deutlich günstigere Version: meist eine Auswahl von Gemüse (Sprossen, Chinakohl, Zwiebel, Knoblauch, Chili), dazu kann man verschiedene Fleischarten, Tofu, Fisch, Garnelen und weiter Meeresfrüchte bestellen. Alles wird mit würzigen Saucen abgelöscht und schmeckt wirklich ausgesprochen lecker.

Wenn man es denn in den Mund bekommt! Die fertigen Gerichte werden nämlich auf einer Alufolie an den Rand der Platte geschoben. Ich erinnere mich noch genau an meine ersten Erfahrungen mit Stäbchen, ein Fingerkrampf folgte auf den anderen und es war mega schwierig für mich, die kleinen Stückchen von der flachen Platte aufzupicken. Es hat eine Ewigkeit gedauert, bis ich meine Portion geschafft hatte.

Teppanyaki auf einem Nachtmarkt von Taipei
Teppanyaki auf einem Nachtmarkt von Taipei

Aber ich war lernfähig, nach wenigen Tagen konnte ich es.

An unserem zweiten Tag in Taipei hatten wir noch frei. Wir stellten uns in der Firma meines Mannes vor, danach in der deutschen Schule, die unser Großer besuchen sollte. Anschließend bummelten wir durch Tiānmǔ, den Stadtteil im Norden, in dem damals die meisten Expats wohnten. Mein erster Eindruck war positiv, ich nahm Taipei als sehr moderne, westliche, konsumorientierte Stadt wahr, die aber auch noch viele traditionelle Ecken aufwies. Um diese würde ich mich in den nächsten Wochen kümmern…

 

Das war der erste Teil über unsern Aufenthalt in Taipei. Lies hier über unseren Alltag.

 

Schönes Fernweh wünscht Dir

Beate